kvl-homepage
'Organisierte Kriminalität' als Rechtsbegriff

Klaus von Lampe

(Auszug aus einem Beitrag im Handbuch des Rechts der Nachrichtendienste, herausgegeben von Jan-Hendrik Dietrich und Sven-R. Eiffler, 2017)


Im Gegensatz zu seiner Etablierung bei Strafverfolgungsbehörden und auch im allgemeinen Sprachgebrauch, hat der Begriff "organisierte Kriminalität" bisher kaum Eingang in Gesetze und Verordnungen gefunden. Namentlich das Strafrecht operiert stattdessen mit den Begriffen der "Bande", "kriminellen Vereinigung" und der "gewerbsmäßigen" Begehung von Straftaten. Neben den Landesverfassungsschutzgesetzen Bayerns, Hessens und des Saarlandes gibt es, soweit ersichtlich, nur noch ein weiteres Gesetz auf Bundes- oder Landesebene, das den Begriff "organisierte Kriminalität" definiert, nämlich das Hamburger Gesetz über die Datenverarbeitung der Polizei. Vereinzelt findet sich der OK-Begriff darüber hinaus in Gesetzestexten ohne nähere Begriffsbestimmung. Zudem enthält das BKAG seit 1973 eine Zuständigkeitszuweisung an das BKA für die Verfolgung von bestimmten "international organisierten" Straftaten ( 4 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 3 BKAG). Einige jüngere gesetzliche Regelungen, z. B. 98a Abs. 1, Nr. 6, 110a, Abs. 1, Nr. 4 StPO, knüpfen ebenfalls an das Vorliegen "organisiert" begangener Straftaten an.
Soweit der Gesetzgeber Bezug auf "organisierte Kriminalität" nimmt, so geschieht dies überwiegend im Rahmen von formell-rechtlichen Regelungen. Auf Bundesebene enthält lediglich 2 Abs. 1, Nr. 3 Opferentschädigungsgesetz (OEG) eine entsprechende materiell-rechtliche Regelung. Danach können Leistungen an den Geschädigten einer Gewalttat u. a. versagt werden, wenn dieser "in die organisierte Kriminalität verwickelt ist oder war". Auf Landesebene erlauben 14 Abs. 2 des Hamburger Gesetzes über die Datenverarbeitung der Polizei sowie 22 Abs. 1, S. 4 Thüringer Sicherheitsüberprüfungsge-(791)setz die Nutzung bzw. Weitergabe von Daten mit OK-Bezug. Materiell-rechtliche Bedeutung kommt dem OK-Begriff darüber hinaus nur auf untergesetzlicher Ebene zu, insbesondere im Bereich des Strafvollzugs, wo auf der Grundlage von Verwaltungsvorschriften die Zuordnung eines Gefangenen zur "organisierten Kriminalität" mit einem sog. "OK-Vermerk" in der Gefangenenpersonalakte zur Versagung von Vergünstigungen bzw. zur Verschärfung von Haftbedingungen führen kann.
Unter den formell-rechtlichen Regelungen, die den OK-Begriff verwenden, ist insbesondere 100e StPO hervorzuheben. da es sich um die einzige Bestimmung des Straf- und Strafverfahrensrechts handelt, die den Begriff "organisierte Kriminalität" enthält. Gem. 100e Abs. 1 Nr. 3 StPO ist die Bundesregierung verpflichtet, bei ihren jährlichen Berichten an den Bundestag über die nach 100e StPO angeordneten Maßnahmen anzugeben, "ob das Verfahren einen Bezug zur Verfolgung organisierter Kriminalität" aufweist. Daneben gibt es einige wenige weitere formell-rechtliche Regelungen unter Verwendung des OK-Begriffs, insbesondere Zuständigkeitsregelungen im polizeilichen Bereich.

Verwendung des OK-Begriffs in der Rechtsprechung

Weniger überschaubar als in der Gesetzgebung ist die Verwendung des Begriffs "organisierte Kriminalität" in der Rechtsprechung. Dabei wird die Klarheit des OK-Begriffs uneinheitlich beurteilt. Während das BVerfG in mehreren Entscheidungen, zuletzt 2004, davon spricht, dass der OK-Begriff nicht konturiert und damit unbestimmt sei, ging der Bayerische Verfassungsgerichtshof bereits 1997 davon aus, der Begriff habe "fassbare Konturen" erhalten. Tatsächlich ist es auch in der Rechtsprechung bislang nicht zu einer einheitlichen Sprachregelung gekommen. Insbesondere findet die Definition der gemeinsamen Arbeitsgruppe Polizei/Justiz von 1990 wenig Anklang. Nur vereinzelt wird sie zur Subsumtion herangezogen. Sofern der Bedeutungsgehalt des Begriffs "organisierte (792) Kriminalität" überhaupt problematisiert wird, stellen die Gerichte eher auf einzelne Merkmale ab, etwa auf besondere Qualitäten der Tatbegehung oder besonders ausgeformte Täterstrukturen. Dabei werden mitunter Maßstäbe angelegt, die von der OK-Definition von 1990 abweichen, beispielsweise wenn auf einen hierarchischen Aufbau, einen internen Ehrenkodex und Expansionsbestrebungen, auf professionelles oder konspiratives Täterverhaltens, auf "vielfältige und gute Kontakte" zu Anbietern illegaler Güter oder auf das "Ziel, der Allgemeinheit erheblichen Schaden zuzufügen" Bezug genommen wird. Das Fehlen eines einheitlichen Begriffsverständnisses zeigt sich auch daran, dass Drogenhandel zum Teil als Inbegriff bzw. typische Erscheinungsform "organisierter Kriminalität" verstanden wird, wovon auch der Gesetzgeber beim OrgKG von 1992 ausgegangen ist, und teilweise als ein gesonderter, von "organisierter Kriminalität" zu unterscheidender Bereich.

Verwendung des OK-Begriffs In der rechtswissenschaftlichen Literatur

Ebenso wie in der Rechtsprechung kann innerhalb der rechtswissenschaftlichen Literatur nicht von einer Klärung des Begriffs "organisierte Kriminalität" gesprochen werden. Die Definition von 1990 wird zum Teil als verbindlich akzeptiert, zum Teil stößt sie auf Ablehnung, und es ist umstritten, inwieweit der OK-Begriff grundsätzlich geeignet ist, einen Kriminalitätsbereich sinnvoll gegenüber Bereichen wie "normaler" Kriminalität, Wirtschaftskriminalität oder auch legalen Verhaltensweisen abzugrenzen. Die Literatur speziell zur Einbeziehung der Nachrichtendienste in die Beobachtung und Bekämpfung organisierter Kriminalität zeichnet ebenfalls ein uneinheitliches Bild. Die Befürworter einer solchen Entwicklung stellen insbesondere auf ein gegenüber sonstiger Kriminalität gesteigertes Bedrohungspotenzial ab, unterscheiden sich aber darin, ob organisierte Kriminalität in erster Linie im Sinne kriminellen Handelns oder im Sinne krimineller Strukturen verstanden wird. Wie in der Rechtsprechung liegt der Schwerpunkt der (793) Erörterungen auf der Hervorhebung einzelner Merkmale und nicht auf einer umfassenden, systematischen Konzeptualisierung des Gegenstandsbereichs organisierter Kriminalität. Als Wesensmerkmale betont werden z.B. "klar gegliederte und arbeitsteilige Organisationen", Abschottung von Täterstrukturen nach innen und außen, ein "Gewinnstreben um jeden Preis", transnationales Agieren und die Verflechtung legaler und illegaler Strukturen bzw. die "Verknüpfung von kriminellen und legalen Verhaltensweisen". Umstritten ist, inwieweit sich darin eine neuartige und qualitativ gesteigerte Kriminalitätsform zeigt. Häufig anzutreffen sind nicht näher präzisierte Abstufungen, z. B. in der Weise, dass nur "in den allerschwersten Erscheinungsformen" organisierter Kriminalität eine Bedrohung für die Gesellschaft in Betracht kommen sollen. Mitunter wird auch eine kategorische Unterscheidung getroffen zwischen organisierter Kriminalität im Sinne schadensträchtiger Straftaten, begangen von Tätern mit hoher krimineller Energie einerseits, und einem "Streben nach partieller Verdrängung der Staatsgewalt, der Dysfunktionalisierung staatlicher oder sonst legitimierter Ordnungsfunktionen und der Schaffung staats- oder rechtsfreier Räume" andererseits, wobei es sich in ersterem Fall eher um ein Problem für Polizei und Strafverfolgung, im zweiten Fall unter Umständen auch um ein nachrichtendienstlich relevantes Problem handeln soll.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass in Kriminalpolitik, Rechtsprechung und rechtswissenschaftlicher Literatur zwar ein gewisser Konsens über die Verwendung des OK-Begriffs an sich bestehen mag, nicht jedoch über seinen Bedeutungsgehalt und die Tragweite der dahinter stehenden Erscheinungen.



Quelle: Klaus von Lampe (2017). Bekämpfung der organisierten Kriminalität. In: Jan-Hendrik Dietrich, Sven-R. Eiffler (Hrsg.), Handbuch des Rechts der Nachrichtendienste. Stuttgart: Richard Boorberg, S. 781-816
Quellenverweise und Literaturliste können per e-mail angefordert werden.


e-mail | Kontakt | home | OK-Index | Organisierte Kriminalität in den USA | Organisierte Kriminalität in Deutschland | Buch-Rezensionen | Gentechnik-Diskussion in der DDR